Abendveranstaltung

Energiepolitische Woche 2012

„Die Energiewende ist machbar. Aber sie muss ein wirtschaftlich vernünftiger und sozial verantwortlicher Prozess sein. Sonst wird sie scheitern.“ Das ist eine der zentralen Aussagen der Abendveranstaltung der „Energiepolitischen Woche“ der IG BCE, die vom 16. bis 20. April 2012  im Bildungszentrum Haltern stattfand.

Paul luc / IG BCE Bildungszentrum

Podiumsdiskussion im Rahmen der Energiepolitischen Woche Alfred Geißler, Arbeitsdirektor der Steag GmbH und Wolfgang Quirin, stellv. Leiter des Bildungszentrums Haltern am See während der Podiumsdiskussion
16.01.2013

Drei Experten diskutierten Mittwochabend in der Konferenzhalle mit rund 80 Kolleginnen und Kollegen – darunter die 31 Teilnehmer der „Energiepolitischen Woche“ - aus zahlreichen Branchen und Betrieben im ganzen Bundesgebiet: Dr. Ralf Bartels von der IG-BCE-Hauptverwaltung in Hannover, Alfred Geißler, Arbeitsdirektor der Steag GmbH, und Norbert Maus, Betriebsratsvorsitzender auf dem Bergwerk Auguste Victoria der RAG/Deutsche Steinkohle.

 Das Fazit des Abends: Zum Gelingen der Energiewende als Folge des deutschen Ausstiegs aus der Atomkraft in der Stromerzeugung bis 2022 müssen wesentliche Voraussetzungen erfüllt werden; und das ehrgeizige Ziel, die deutsche Stromerzeugung bis 2050 zu 80 Prozent aus Erneuerbaren Energien (EE) zu schaffen, birgt zahlreiche Risiken. Deshalb fordert die IG BCE ein eigenständiges Energieministerium, um den Prozess der Energiewende zu koordinieren und zu steuern.

 Eine der Voraussetzungen nannte Ralf Bartels: „Wir brauchen eine neue Generation von Kohle- und Gaskraftwerken und auch künftig die Einspeisung von Strom aus Großkraftwerken, um die Stabilität des Stromnetzes sicherzustellen. Dazu haben wir als IG BCE die Forderung aufgestellt, ein eigenes Strommarkt-Segment ‚Netzstabilität und Industriestrom“ zu schaffen. Um dauerhaft sichere Stromlieferungen für unsere energieintensiven Industrien zu garantieren, brauchen diese Großkunden Strom aus sogenannten ‚rotierenden Massen’ –das heißt Strom, der in großen, stabil laufenden Kraftwerksblöcken mit entsprechenden großen Turbinen produziert wird.“

 

Die von Ralf Bartels angesprochenen wachsenden Risiken für das Stromnetz beruhen darauf, dass der häufige und zumeist kurzfristige Wechsel der Strom-Einspeisung durch EE das Netz extrem belastet: Weht der Wind und scheint die Sonne, wird viel Strom aus Windparks und Sonnen-Kollektoren eingespeist. Strom aus konventionellen Kraftwerken muss dann in entsprechenden Mengen schnell vom Netz genommen werden. Weht aber kein Wind und scheint auch die Sonne nicht mehr, fehlt sofort der Strom aus den EE. Diese dann plötzlich fehlenden Strommengen müssen sofort durch konventionelle Kraftwerke geliefert werden, die dann wieder schnell ans Netz gehen müssen. Bartels: „Das bedeutet, dass wir neben einem rasch wachsenden neuen EE-Kraftwerkspark, der ja in absehbarer Zeit den Großteil der Stromerzeugung leisten soll, einen zweiten Kraftwerkspark konventioneller thermischer Kraftwerke – die Regelenergie – als Kaltreserve brauchen.“

 

Die möglichen starken Schwankungen bei der Einspeisung und Entnahme von Strom, die früher die Ausnahme waren und künftig möglicherweise zur Regel werden, setzen das deutsche Stromnetz, das ja im Verbund mit den anderen europäischen Netzen steht, unter extremen Stress. Abgesehen davon – auch das wurde im Laufe des Abends deutlich – muss das deutsche Stromnetz in den kommenden Jahren gewaltig erweitert werden, um beispielsweise den Strom aus Offshore-Windparks vor den Küsten ins Binnenland zu transportieren. Bartels: „Wir müssen dazu 4400 Kilometer zusätzlicher Höchstspannungsnetze bauen. Bisher fertig gestellt sind davon 210 Kilometer.“

 

Was ein totaler Blackout – der vollständige Zusammenbruch des Stromnetzes durch Überlastung – bedeutet, schilderte Alfred Geißler: „Es dauert mindestens fünf Tage, um das Netz dann wieder aufzubauen. Ein deutscher Blackout legt auch weitgehend die übrigen europäischen Netze lahm. In der Zeit funktioniert dann nichts mehr. Unsere gesamte Infrastruktur bricht dann zusammen. Das wären verheerende Auswirkungen für unsere gesamte Gesellschaft.“ Auf Fragen der Diskussions-Teilnehmer, wie groß die Wahrscheinlichkeit eines solchen gravierenden Blackouts sei,  sagte Geißler: „Das ist sicher der schlimmste denkbare Fall. Das deutsche Stromnetz ist das technisch ausgereifteste in Europa. Doch die Wahrscheinlichkeit wächst mit der weiteren Strukturveränderung in der Stromerzeugung und dem damit verbundenen wachsenden Schwankungsrisiko für die sichere und stabile Netzspannung.“

 

Norbert Maus betonte die Bedeutung der Stein- und Braunkohle auch als künftigen Energieträgern: „Wir brauchen in Deutschland wie weltweit auch künftig modernste Stein- und Braunkohle-Kraftwerke – und zwar nicht nur als ‚Brückentechnologie’zu den Erneuerbaren Energien. In Deutschland fördern wir zurzeit noch 10,9 Millionen Tonnen Steinkohle. Zum Vergleich: In China sind es rund drei Milliarden Tonnen, und es werden schon bald fünf Milliarden Tonnen sein. Unsere Abhängigkeit von Energieimporten wird weiter wachsen. Wir akzeptieren zwar den Beschluss, die deutsche Steinkohle bis Ende 2018 auslaufen zu lassen, und wir werden ihn sicher umsetzen. Aber vor dem genannten Hintergrund und den angesprochenen Risiken der Energiewende halten wir ihn nach wie vor für falsch.“

 

Investieren die fünf großen deutschen Stromerzeuger, zu denen die Steag gehört, denn nun verstärkt in neue konventionelle Kraftwerke, fragten Teilnehmer. Geißlers Antwort war ernüchternd: „Es gibt bei keinem mehr eine Entscheidung, neue Kohlekraftwerke in Deutschland zu bauen.“ Auf die Fragen, warum das trotz des doch erkennbaren Bedarfs so sei, antwortete der Steag-Arbeitsdirektor: „Weil die derzeitigen Rahmenbedingungen für den Bau neuer Kohlekraftwerke eine solide, auf 30 bis 40 Jahre ausgelegte Kalkulation einer solchen großen Investition, die sich für uns ja auch rechnen muss, unmöglich machen. Damit sich ein solches großes Kraftwerk rechnet, brauchen wir pro Jahr bestimmte Laufzeiten, an denen das Kraftwerk den Strom nicht nur produziert, sondern auch sicher ins Netz einspeisen und damit verkaufen kann. Der Einspeise-Vorrang für die Erneuerbaren Energien aber vermindert diese Laufzeiten, die wir brauchen, damit sich ein Kraftwerk auch bezahlt macht.“

 

Keine sicheren Rahmenbedingungen für den Bau neuer Kohle- und Gaskraftwerke, wachsende Risiken für die Stabilität des deutschen Stromnetzes, unklare Rahmenbedingungen für bestimmte Energiemärkte und kein erkennbarer Fahrplan zur Gestaltung der Energiewende – all das wurde im Laufe der Diskussion deutlich. Ralf Bartels: „Deshalb brauchen wir unbedingt einen klaren Stufenplan, ein Monitoring und eine Gesamtkostenrechnung der Energiewende. Das ist der Grund, warum wir als IG BCE ein eigenständiges Energieministerium fordern, das den Prozess der Energiewende steuert und koordiniert.“

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